Imle Fanny
Politologin, Religionsphilosophin

(Fanny Imle um 1900 © International Institute of Social History, Amsterdam)
Fanny Imle
2.April 1878 – 11. August 1965
Fanny Imle wird 1878 in der Kleinstadt Ellwangen (Baden-Württemberg, Deutschland) geboren. Nach der höheren Töchterschule in Ellwangen nimmt sie 1897 das Studium der Philosophie in Zürich auf. In Zürich schliesst sie sich der anarchistischen Gruppe um Theodor Dietschy (1866-?), Herausgeber der Freie Gesellschaft, dem polyglotten Handelsgehilfe und Publizisten Alfred Sanftleben (1871-1952), dem Schreiner Erich Marks (1871-1934), dem Schriftsetzer Gustav Lübeck (1873-?) sowie dem Schlosser Fritz Köster (1855-1934) an. Zum Umfeld der Gruppe gehört auch der Psychiater, Literat und Publizist Oskar Panizza (1853-1921).
1898 setzt sie ihr Studium in St. Gilles (Frankreich) und Brüssel (Belgien) fort. Sie schreibt dort für die la Liberté und L’An-archiste. In Brüssel lernt sie den polnisch-österreichischen Arzt und Anarchist Ladislaus Gumplowicz (1869-1942) kennen, der auch eine Zeitlang in Zürich gelebt und gewirkt hatte und 1896 aus Berlin ausgewiesen wurde. Sie werden ein Paar. Ende 1898 werden beide wegen anarchistischer Tätigkeit ebenfalls aus Belgien ausgewiesen. In dieser Zeit erblindet Fanny fast vollständig. Aufenthalt der beiden in London und Bekanntschaft mit Rudolf Rocker (1877-1955). Die preussische Polizei hält in einem Überwachungsbericht fest, dass sie in London „als zweite Louise Michel Triumphe gefeiert“ hätte. Fanny Imle, wurde, wie Gustav Landauer (1870 -1919), zu Gründer*innen eines reformerischen Anarchismus, der in Teilen noch weniger radikal als der Kollektivismus der Juraföderation war, weil er mehr auf Genossenschaften als auf Kollektivismus setzte. Beide wurden dabei von den besonderen Verhältnissen, die in Belgien und der Schweiz zwischen den Anarchist*innen und der sozialdemokratischen Parteien bestand, die auf einer gewissen gegenseitigen Toleranz beruhten, beeinflusst. Obwohl ihr Partner Ladislaus Gumplowicz sich in dieser Zeit vom Anarchismus lossagte und sich in Zürich den Sozialdemokraten anschloss, blieb sie Anarchistin und folgte ihm im Sommer 1899 nicht nach Zürich, sondern reist nach Berlin. Dort versucht sie ihre gewerkschaftlich orientierten, radikaldemokratischen Ideen umzusetzen. Sie stösst aber, wie Landauer, auf massiven Widerstand innerhalb der dortigen anarchistischen Bewegung und wird im am 22.Oktober an einem Anarchistenkongress in Dresden von der Bewegung ausgeschlossen. Sie verlässt Deutschland und zieht Ende 1899 nach Zürich zu Ladislaus. Sie wird von ihm schwanger und gebiert am 4. August einen Sohn, Walter (1900-1942). Ob sie geheiratet haben ist nicht klar, war doch Ladislaus Gumplowicz ein heftiger Gegner der Ehe. Auffällig ist nur, dass sie in den damaligen Polizeiakten plötzlich als polnische Staatsbürgerin geführt wurde. Sie tritt jetzt wie Ladislaus der Sozialdemokratischen Partei bei und hält in Zürich für die Gewerkschaften verschiedene Vorträge.
Gumplowicz und Imle trennen sich. Fanny Imle nimmt 1901 Forschungstätigkeiten in Düsseldorf auf. Erste Kontakte zu katholischen Gewerkschaften. 1903 lebt sie wieder in Berlin und arbeitet eng mit der Soziologin Lu Märten (1870-1970) zusammen. Im Januar 1904 tritt sie aus der SPD aus und konvertierte als Protestantin zum katholischen Glauben. Seither engagierte sie sich für die zentrumsnahen christlichen Gewerkschaften. Während dieser Jahre publizierte sie über die gewerkschaftliche Arbeitslosenunterstützung und die ersten Tarifverträge. 1905 erschien ihr Buch Gewerbliche Friedensdokumente. Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Tarifgemeinschaften in Deutschland, in dem sie zum ersten Mal die Methoden empirischer Sozialforschung mittels statistischer Auswertung von Fragebögen anwandte. 1906 studiert sie in Freiburg/ Br. und promoviert dort 1907. 1912 tritt sie dem Franziskanerorden bei und veröffentlicht 1914 eine Biographie von Franz von Assisi Ein heiliger Lebenskünstler, die Rudolf Rocker in seiner Zeit als Internierter in London las. Er kam nach der Lektüre zum Schluss: „Das sie sich gerade Franz von Assisi als ihren Lieblingsheiligen erkoren hatte, war übrigens ein Beweis dafür, dass noch etwas von ihrer Vergangenheit in ihr lebte (…).“ Sie lebte seit 1912 im Mönchengladbach in einem Kloster und wechselte 1925 in ein Kloster in Paderborn. Sie verfasst in dieser Zeit einige theologische und religionsphilosophische Bücher. Sie stirbt am 11. August 1965 in Niedermarsberg.
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